Nikolausgedichte und -verse (5)


Gedichte von Jakob Boßhart, Rudolf Löwenstein und anderen Autoren.

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Der Traum

Silvesterabend in der Kinderzeit.
Sankt Niklaus schritt von Haus zu Haus, und weit
Vernahm man seines Glöckleins hell Getöne.
Er trat herein, trug in der Hand das schöne
Vom Kerzenlicht umstrahlte Wundertännchen.
"Sagt euren Spruch, ihr Zöpfe da und Männchen,"
Fuhr er aus seinem Reistenbart uns an,
"Habt ihr dies Jahr auch wohl und recht getan?
Nie aus dem Schrank den Honigtopf gezogen?
Die Wahrheit nie in Angst nach links gebogen?
Aha! ich seh's am Augenniederschlag,
Es steht nicht, wie man's wünscht an diesem Tag!"
So rief er laut und schwang den Haselstecken
Hoch über uns zu allgemeinem Schrecken.

Die Mutter stand dabei, und war er wild
Und rauh, so war sie milder noch als mild,
Und ihre Augen besser als die Güte.
"Versprech' ein jedes, daß es besser hüte
Im neuen Jahr die Finger und die Zung',
So wird euch schonen seines Steckens Schwung."
Sie sprach's, wir nickten "ja", und Bruder Klaus
Tat einen Sprung und stampfte aus dem Haus.

Hell war die Freude nun an Licht und Kerzen,
An Äpfeln, Nüssen und den Zuckerherzen,
Die festlich prangten an dem schmucken Baum.
Und als ich lag in Kammer, Schlaf und Traum,
War ich noch immer von dem Glanz umflutet:

Ich sah uns all versammelt, frohgemutet,
Ein jedes hielt ein Kerzlein in der Hand
Und schwang im Kreis den schwachen Flackerbrand,
Erst sacht, dann wild, bis es so weit gekommen,
Daß alle Kerzen loschen und verglommen.
Nur die der Mutter brannte ruhig fort.
"Gib uns von deinem Licht!" Wir schrien das Wort,
Und gleich entstand ein wildes Händerecken,
Die toten Dochten wieder anzustecken.

So ging das Spiel, bis sich mein Traum zerblies:
Wir borgten Feuer und die Mutter lieh's,
Und ihre Flamme, statt sich zu verzehren,
Schien durch ein Wunder spendend sich zu mehren.
Da rief ich: "Mütterchen, du gibst und gibst,
Wie kommt's, daß du nicht längst ohn' Flamme bliebst?"
Sie schwieg und sann und lächelte nach innen.
Von ihrem Licht sah ich ein Tröpflein rinnen.

Mir blieb der Traum, auch als die Kindheit wich,
Und ging mir immer durch den Sinn, wenn ich
Die Mutterlieb' mißbraucht im Unverstand
Und sie nach jeder Prüfung größer fand!

Jakob Boßhart



Wie Sankt Niklas Rundschau hält

Festglocken tönen überall,
Es flammen tausend Kerzen.
Rings Freude nur und Jubelschall
Aus frohen Kinderherzen.
In jeder Stadt, in jedem Nest,
Wohin den Blick ich trage,
Ertönet heut der Ruf zum Fest:
"Vergnügte Feiertage!"

Ich war in manchem Glanzpalast
Und sah den Christbaum prangen;
Es brachen seine Zweige fast -
So schwer war er behangen.
Die Kinder sprangen um den Tisch
Mit Pfeif' und Trommelschlage,
Und klatschten in die Hände frisch:
"Vergnügte Feiertage!"

Ich war im niedern Bauernhaus,
Drauf zum Besuch nicht minder,
Die Kinder sahn so lustig aus,
Just wie des Königs Kinder.
Sie schwangen kühn ihr Schwert von Holz,
Als wären's edle Männer,
Und ritten auf dem Holzpferd stolz,
Als wär's des Königs Renner.

Was hab' ich alles doch geschaut
An schönen Raritäten!
Prinz Marzipan und seine Braut
Und hohe Majestäten,
Marställe, Gärten, Dörfer dann,
Kurz - tausend bunte Sachen.
Wer solche Schätze kriegen kann -
Dem muss das Herz wohl lachen!

Doch seht! es lacht just ebenso
Des armen Bürgers Käthchen,
Und drückt an ihre Brust so froh
Ihr heugestopftes Mädchen,
Sie legt ihr Püppchen in das Bett,
Mit dem kattun'nen Kleide.
Es scheint der Kleinen just so nett,
Als die Mamsell in Seide.

O selig, noch ein Kind zu sein!
Euch ist ja Herzensfrieden,
Euch ist noch nichts von Sorg' und Pein,
Von Hass und Streit beschieden!
Gott segne, Kinder, Eure Freud'!
Denn Weihnacht ist gekommen.
Für jedes ist ein Bäumchen heut,
Fürs ärmste auch entglommen.

Und wo ein Kind verlassen ist,
Fern von der Eltern Blicken,
Da kommt heut mild der heil'ge Christ,
Das Herz ihm zu erquicken.
Der ruft: "Ihr Leut', nach frommen Brauch,
Denkt an der Armen Klage,
Und schaffet den Verlass'nen auch
"Vergnügte Feiertage!"

Rudolf Löwenstein